JapanReisen in Japan

Kampf der Kolosse: Ein Tag beim Sumo

Ein Turniertag im Ryogoku Kokugikan

Zusammenfassung

  • Am Vormittag finden die Kämpfe der Junioren statt.
  • Sobald die Profi-Sumo-Kämpfer die Halle betreten, koch die Stimmung.
  • Fürs Sumo müssen die Kämpfer gelenkig sein.
  • Sumo-Kämpfer können stattliche Gewinnsummen erhalten.
  • Sumo gehört zu jeder Japan-Reise dazu.

Noch ist es leer. Wenn sich an einem Turniertag morgens um halb neun die Tore des Ryogoku Kokugikan in Tokyo öffnen, warten nur wenige Zuschauer auf Einlass. Und auch von den schwergewichtigen Sumoringern ist bisher nichts zu sehen. Die Trommeln zur Ankündigung des Wettkampftages sind verklungen und vereinzelt schlurfen nun etwas pummelige Nachwuchskämpfer in Kimono und Holzsandalen durch das Südtor. Sie werden kaum gewürdigt durch die wenigen Besucher, die zumeist noch am Schalter Schlange stehen, um eine der begehrten Karten für die Nachmittagskämpfe zu ergattern. Nur die wenigsten Touristen nutzen die Ganztagestickets, um sich die Vorentscheidungen und Kämpfe der Jonokuchi und Makushita (Juniordivisionen) anzuschauen.

Betritt der Zuschauer nun das Kokugikan empfängt ihn nicht nur eine gähnende Leere, sondern auch vereinzelt kleine Tische, an denen nette Damen in dunklen Uniformen bereitwillig Zettel mit Informationen zum Turnier verteilen – meist stumm, aber stets lächelnd, versteht sich. Die Atmosphäre der Eingangshalle hat etwas von städtischem Schwimmbad. Grüne, weiße oder bräunliche Kacheln sorgen für eine nahezu sterile Umgebung. Selbst die bunten Dekorationen und Souvenirshops wirken in dem großen Vorraum verloren.

Die Sumo-Arena

Wenn man nun jedoch das Innere der Kampfarena betritt, bietet sich dem Zuschauer ein ganz anderer Anblick. Dunkle Brauntöne, purpurne Sitzkissen und goldfarbene Geländer verleihen dem »Dojo« ein warmes und edles Ambiente. Hoch oben, direkt unter der Decke hängen mit Ölfarbe veredelte Bilder früherer Champions. In der Mitte der Halle hängt ein Dach, wie man es von Tempeln kennt. Darunter befindet sich der Ring mit einem 4,55 m. Durchmesser. Sand bedeckt die Oberfläche der aus Erde gestampften Kampfebene, die mit Strohseilen abgegrenzt ist. An jeder Seite sitzt ein Offizieller und links und rechts knien bereits die nächsten Kämpfer in gestreckter Pose. Zwei Striche in der Mitte des Rings markieren die Startposition für die beiden Kontrahenten.

Sumo-Arena

In unmittelbarer, gefährlicher Nähe des Rings befinden sich die ersten Sitzkissen. Dahinter breiten sich die zahlreichen rechteckigen Boxen aus. Mit jeweils vier Kissen bestückt und etwas Platz zum Servieren von Tee und Snacks, sind diese Sitze mit bis zu 45.000 Yen/Box (ca. 350 Euro) heiß begehrt. Sitze in den oberen Rängen, eingepfercht in enge Sitzreihen und weit entfernt vom Ring, kann man bereits für um die 2.000 Yen (rund 16 Euro) erstehen.

Die Halle ist aufgeteilt in eine Vorder- und Rückseite, sowie eine Ost- und Westseite (links und rechts vom Haupteingang bzw. der Vorderseite). An Vorder- und Rückseite befinden sich jeweils beleuchtete Anzeigen für Resultate und Gewinntechniken. An Ost- und Westseite befinden sich Gänge, durch die die Sumoringer, aufgeteilt in Ost-bzw. Westteam, die Halle betreten.

Das Sumo-Turnier der Junioren

Vormittags kämpfen hier noch die Junioren um eine Rangerhöhung. Vereinzelt sitzen interessierte Zuschauer im Publikum und machen sich Notizen. Die könnten beim Wetten später einmal nützlich sein. Die jungen Männer am und im Ring müssen allerdings noch ordentlich zulegen, um einmal das Kampfgewicht ihrer Idole zu erreichen. Das harte Training und ein Spezialeintopf (der besonders protein- und fettreiche »Chankonabe«) zeigen zumindest ansatzweise bereits Wirkung. Beim Sumo gibt es keine Gewichtsklassen und ein hohes Kampfgewicht gilt als Vorteil. Daher heißt die tägliche Routine für alle Sumo-Kämpfer und die, die es noch werden wollen: aufstehen, trainieren, essen, schlafen. Denn »Rikishi«, wie voll ausgebildete Sumo-Kämpfer auch genannt werden, müssen nicht nur ein stattliches Gewicht vorweisen, sondern sich auch geschmeidig bewegen können. Ohne die richtige Technik geht beim Sumo nichts.

Einmarsch der Juryo

Der frühe Nachmittag beginnt mit dem Einmarsch der Juryo, dem ersten Rang der voll ausgebildeten Sumos. Mit bunten Zeremoniellschürzen (»kesho-mawashi«) bekleidet, stampfen sie zum Ring, drehen eine Runde und stellen sich dann dort im Kreis auf. Danach entschwinden die Rikishi zunächst wieder durch die Ost- bzw. Westausgänge. Der Ringrichter, im bunten Gewand eines Shinto-Priesters, eröffnet den Kampf mit einer Fächerdrehung. Zwei Kämpfer steigen in den Ring und machen sich locker, indem sie gebückt mit dem linken und rechten Fuß auf den Boden stampfen und gehen dann in die Hocke. Sie reiben ihre Handflächen aneinander, klatschen in die Hände und bringen die Arme dann mit den Handflächen nach oben seitlich in eine horizontale Position. Dies symbolisiert, dass der Kämpfer unbewaffnet den Ring betreten hat. Die Sumo-Kämpfer marschieren nun im Ring auf und ab, gebärden sich gefährlich. Sie schmeißen etwas Reis in den Kampfbereich (Reinigungszeremonie) und trinken noch einen Schluck Wasser. Jeweils ein Holzeimer steht in der Hausecke des Kämpfers und ist mit einer traditionellen Kelle ausgestattet, wie man sie auch in Tempeln findet. Beide Gegner stehen sich nun gegenüber, gehen an der Kampflinie in die Hocke und stützen sich mit einer Faust am Boden ab. Es gehört beinahe zum guten Ton, dass einer der beiden Kontrahenten dieses Ritual abbricht und wieder aufsteht, erneut durch den Ring stampft und erst beim zweiten oder dritten Versuch beide Kämpfer aufeinander prallen.

Sumo-Techniken und Preisgelder

Egal ob durch schubsen, stoßen, tragen oder geschickte, dem Judo entliehene, Wurftechniken. Ziel ist es, den Gegner zu Boden zu bringen oder ihn aus dem Ring zu befördern. Besonders beliebt ist das Packen am Gürtel. Der Gegner wird so Stück für Stück aus dem Ring gehievt. Aber auch das Schubsen ist eine gern gesehen Gewinnertechnik, von denen es über 80 Variationen gibt. Der Gewinner wird jetzt vom Ringrichter gekürt und erhält unter Umständen nun einen kleinen finanziellen Bonus, der ihm in einem Briefumschlag überreicht wird.

Angehende Rikishi erhalten nur eine kleine Aufwandsentschädigung, während die Ränge ab Juryo ein monatliches Gehalt beziehen. Zudem können die Kämpfer Preisgelder für den Sieg von Turnieren oder für besondere Kämpfe (meist von Sponsoren finanziert) bekommen. Des Weiteren winken Sponsorengelder und Boni. Insgesamt können so Beträge zwischen ein paar hundert bis an die hunderttausend Euro zusammenkommen. Auch wenn sich der Sport mit Nachwuchssorgen plagt, ist Sumo für viele junge Menschen immer noch eine durchaus lohnende und prestigereiche Erwerbstätigkeit.

Sumo-Wrestler im Kampf

Steigt der Sieger eines Kampfes nun aus dem Ring, verweilt er noch kurz an der Ringecke, um dem nachfolgenden Ringer etwas Wasser zu reichen. Ein Privileg der Gewinnerseite, das den Körper vor dem Eintritt in den Ring reinigen und Erfolg verheißen soll. Die Kämpfer, die am Ende des Turniers (»Basho«) mehr Siege als Niederlagen verbuchen können, steigen in den nächst höheren Rang auf – die anderen steigen ab. Ausnahmen bilden hier die höchsten Ränge, die entweder speziell geregelt werden oder wie beim Titel des »Yokuzuna« (dem höchsten Rang) auf Lebenszeit verliehen werden.

Die Kämpfe der Sumo-Profis

Am Nachmittag beginnen nun die Kämpfe der höheren Sumo-Ligen. Die Halle ist brechend voll. Die Zuschauer in den vorderen Reihen trinken Tee, wettern mit Zeitungen in der Hand gegen Kämpfer und Ringrichter, applaudieren ihren Favoriten, knabbern Gebäck. Die hinteren Reihen springen auf und ab, zücken das Fernglas, machen Notizen und wischen sich immer wieder den Schweiß von der Stirn. Es ist schwül in der Halle.

Nach und nach betreten die einzelnen Divisionen die Halle. Yokuzuna werden vorgestellt und die nur sekundenlangen Kämpfe folgen nun Schlag auf Schlag. So gegen vier Uhr erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt. Die besten Sumo-Kämpfer des Turniers bestreiten jetzt ihre Kämpfe. Es wird eifrig gewettet, gezetert und gejubelt. Richtige Fans haben die Ankunft ihrer Lieblingsrikishi vor der Halle abgewartet und unter Blitzlichtgewitter bereits die Limousinen der Superstars bewundert. Nur untere Ränge kommen noch mit der U-Bahn zum Wettkampf. Hier und da hat auch einer ein Autogramm ergattert und schwingt dieses nun eifrig beim Betreten seines Favoriten in die Arena. Die Halle kocht. Lediglich einige verwirrte Touristen gucken sich unsicher um und beflehen innerlich ihren Nachbarn, etwas mehr japanische Zurückhaltung zu üben. Ein steter Blick zum auf- und abspringenden Vollblutfan neben einem garantiert die eigene körperliche Unversehrtheit. Ellenbogen, Ferngläser und Trinkflaschen können in den hinteren Reihen der Halle zu gefährlichen Gelegenheitswaffen werden… Auch ein Hut zum Schutz gegen herumfliegende Nüsse, Wasabi-Erbsen oder ähnliche Hartsnacks ist durchaus dienlich. Die Stimmung ist ebenso hitzig wie die Kämpfer im Ring.

Der Turniertag endet wie er begann: mit Zeremonien. Die drei besten Kämpfer von Ost und West treten in den Ring, stellen sich in Fächerform auf und stampfen in gebückter Haltung abwechselnd mit den Füßen auf den Boden. Im Anschluss daran vollzieht ein Sumo in »Kesho-mawashi« einen Bogentanz (»yumitori-shiki«) zu Ehren der siegreichen Kämpfer. Eine Trommel beendet die Kämpfe und fordert die Zuschauer auf, am nächsten Tag wiederzukommen. Die Halle leert sich. Es ist kurz nach 18 Uhr.

Reist man im Januar, Mai oder September nach Tokyo, bestehen gute Chancen, dass dort gerade eins der zweiwöchigen Sumo-Turniere stattfindet, für die Japan so berühmt ist. Gerade diejenigen, die dem Charme der Kolosse noch nicht erlegen sind, sollten sich solch ein Spektakel nicht entgehen lassen. Nur ein Live-Kampf kann die wirkliche Faszination des Sumo widerspiegeln. Zudem lässt sich ein Nachmittagsbesuch des GT (Grand Tournament) Basho Tokyo wunderbar mit einem Vormittagsausflug zum Edo-Tokyo Museum kombinieren, das ebenfalls auf jeder To-Do-Liste stehen sollte. Findet jedoch gerade kein Turnier statt, so kann man an der JR Bahnstation Ryogoku auf dem Weg zum Museum zumindest einige günstige Sumo-Souvenirs erstehen.

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